Neu erschienen: dbv-Themendienst 5 zu Spezialbibliotheken

Eine Welt, die Wissen schafft

Sie besitzen jahrhundertealte Enzyklopädien oder brandneue Fachzeitschriften zu Wirtschaftsthemen – in Deutschland gibt es einige tausend Spezialbibliotheken. Doch mit der Digitalisierung kommen ungeahnte Herausforderungen auf sie zu – mitunter wird ihnen sogar die Existenzfrage gestellt.

Den Büchern sind die Spuren der Jahrhunderte anzusehen. Die Rücken sind abgewetzt, die Seiten vergilbt. Sie sind so alt und kostbar, dass sie in verschlossenen Räumen der kleinen Bibliothek in Heidelberg lagern. Auch der weitere Literaturbestand der Bibliothek des Max-Planck-Instituts für ausländisches Öffentliches Recht und Völkerrecht lässt das Herz vieler Juristen höher schlagen: ein Original-Satz der Akten der Nürnberger Prozesse etwa oder die jahrhundertealte Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte des französischen Aufklärers Denis Diderot.

Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften
Abb.: Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften, Foto: Thomas Meyer, Ostkreuz

Gleichwohl ist der Zutritt zu dieser Bibliothek den Forschern des Max-Planck-Instituts vorbehalten. „Unser sehr spezielles und teilweise sehr seltenes Material ist für die Spitzenforschung gedacht“, sagt der Leiter der Bibliothek, Dr. Harald Müller. „Es ist nur sehr eingeschränkt für den öffentlichen Gebrauch bestimmt.“ Selbst die Studierenden der Universität haben erst Zutritt, wenn sie ein Empfehlungsschreiben ihres Professors vorweisen können.

Die Bibliothek des Heidelberger Max-Planck-Instituts ist eine der so genannten Spezialbibliotheken. Einige tausend gibt es derzeit in Deutschland. Sie sammeln zu eng definierten Themen Medien für Spezialisten, die auf einem bestimmten Fachgebiet arbeiten. Gemeinsam ist ihnen auch die Bindung an eine Institution wie das Max-Planck-Institut, für dessen Informations- und Literaturversorgung sie zuständig sind. Ohne sie wäre etwa Spitzenforschung nicht möglich.


Mit der Digitalisierung schwindet die Sichtbarkeit der Bibliotheken

„Die Spezialbibliotheken bieten Wissenschaftlern, bestimmten Berufsgruppen, den Mitarbeitern in Behörden, oft auch interessierten Laien ein unerlässliches Handwerkszeug“, sagt Henning Frankenberger. Er leitet die Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik in München und ist zudem Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Spezialbibliotheken e.V. (ASpB), eines Vereins, der eng mit dem Deutschen Bibliotheksverband e.V. (dbv) kooperiert. „So exotisch die Bestände in Spezialbibliotheken mitunter sein mögen“, sagt er, „so wichtig sind sie.“

Doch gleichzeitig ringen die Bibliothekare mit einem großen Problem: der Sichtbarkeit ihrer täglichen Arbeit außerhalb der Bibliotheksmauern. „Mit der zunehmenden Digitalisierung wird auch die Wissenschaft immer schneller“, sagt Frankenberger. „Da hört man manchmal schon die Frage, warum es eine Bibliothek überhaupt noch gibt, wenn sich doch alles googeln lässt.“

Medien werden vielfach digital, die Recherche nach Informationen findet heute immer öfter elektronisch statt. „Dabei treten die Leistungen der Bibliothekare vermeintlich immer mehr in den Hintergrund“, sagt Frankenberger. Doch nur weil sich das Medium ändere, seien die Aufgaben der Bibliothekare heute keine anderen oder gar ersetzbar. Im Gegenteil: „Ohne fachlich versierte Bibliothekare könnten unsere Besucher viele der neuen Möglichkeiten gar nicht vollständig nutzen. Wir helfen Wissenschaftlern nicht nur bei der Recherche, wir helfen zum Beispiel auch beim Publizieren ihrer Arbeiten“, sagt Frankenberger. „Wir kümmern uns darum, dass die Bestände, mit denen die Wissenschaftler arbeiten, stets aktuell, sachgerecht und umfassend sind.“ Und man vermittle gerade auch im Bereich der neuen Medien eine basale Informations- und Recherche-Kompetenz.

Dennoch haben die Bibliothekare in Spezialbibliotheken immer öfter Legitimationsprobleme, beobachtet auch Dr. Klaus Ulrich Werner, dbv-Vorstandsmitglied und Leiter der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin. „Dabei sind die hochspezialisierten Mitarbeiter für ihre Einrichtungen unersetzlich. Die Trägerorganisationen sollten deshalb schon aus eigenem Interesse darauf achten, dass die bibliothekarischen Leistungen sichtbar bleiben.“

500 externe Besucher, aber 45.000 Ausleihen

In die Bibliothek der Deutschen Bundesbank in Frankfurt am Main beispielsweise kommen jährlich nur rund 500 externe Besucher. Neben den Mitarbeitern der Bank sind es Studierende, an Wirtschaft interessierte Laien oder Gastforscher, die hier Spezialliteratur zu Wirtschaftsthemen suchen. Die Zahl der ausgeliehenen Medien liegt jedoch mit 45.000 um ein Vielfaches darüber. „Das liegt daran, dass die Mitarbeiter der Bundesbank ihre bestellten Werke direkt mit der Hauspost erhalten“, erzählt Markus Dornes, der Leiter der Bibliothek.

Zudem haben die Bundesbanker ein besonderes Privileg. Sie dürfen in ihren Büros in Frankfurt und Wiesbaden eigene Handapparate zusammenstellen. Die dort stehenden Bücher und Fachzeitschriften gelten als Dauerausleihe, die die jeweiligen Mitarbeiter für ihre tägliche Arbeit sofort zur Hand haben. „25.000 Medien sind auf diese Weise im Haus verteilt“, sagt Dornes.

Die 25 Mitarbeiter der Bibliothek haben alle Hände voll zu tun, um die Aufgaben zu erledigen. Sie stellen Fachliteratur für die Bundesbank-Kollegen zusammen, bearbeiten Anfragen anderer Behörden oder Institutionen wie dem Bundestag und organisieren auch die elektronischen Abonnements und Bestände. „Vieles von dem bemerken unsere Nutzer überhaupt nicht“, sagt Dornes. Die Arbeit einer Bibliothek sei im digitalen Zeitalter zwar weniger gut sichtbar. „Aber hinter den Kulissen findet sie nichtsdestotrotz statt. Und es kommen sogar ständig neue Aufgaben hinzu.“

In der Bibliothek der Bundesbank wie in vielen anderen Spezialbibliotheken wächst beispielsweise der Anteil an elektronischen Medien. Elektronische Zeitungen und Zeitschriften machen in der Frankfurter Bibliothek mittlerweile rund 20 Prozent des Bestands aus. Das heiße nicht nur, dass auch diese Medien verwaltet werden müssten. „Die Arbeit mit ihnen verlangt auch von den Bibliothekaren neue Kompetenzen – und neue Kompetenzvermittlung an die Nutzer.“

Ein Drittel des Bestands ist zudem so genannte „graue Literatur“. Das sind beispielsweise Publikationen von Forschungsinstituten oder Wirtschaftseinrichtungen, die nicht über den normalen Buchmarkt vertrieben werden. Für die Bundesbanker enthalten sie aber oft wichtige Informationen. Diese zu beschaffen, ist für die Bibliothekare oft arbeitsintensiv.

Spezielle Bibliotheksangebote

In der öffentlichen Wahrnehmung haben es auch andere Bibliotheks-Typen schwer, und zwar diejenigen, die nicht als Spezialbibliotheken gelten, aber dennoch ein spezielles Angebot für Menschen in besonderen Lebenslagen bereithalten: für Menschen in Haft, im Krankenhaus, für ältere Menschen oder solche, die eine Behinderung haben.

Blindenbüchereien beispielsweise verschicken Bücher in Blindenschrift oder Hörbücher an Menschen, die blind oder sehbehindert sind. „Dass wir in der Öffentlichkeit nicht so sehr wahrgenommen werden, liegt einerseits wohl daran, dass wir eine kleinere Nutzergruppe haben“, sagt Elke Dittmer, die Vorsitzende des Dachverbands Medibus (Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e.V.). „Rund 30.000 Menschen nutzen unser Angebot.“ Andererseits sind Blindenbüchereien keine Einrichtungen, die aufgesucht werden können. „Der gesamte Ausleihverkehr findet auf dem Postweg statt.“

Neben der Ausleihe haben die Blindenbüchereien auch die Aufgabe die Bücher in Blindenschrift und viele Hörbücher in Eigenregie zu erstellen. „Der Markt dafür ist offensichtlich nicht groß genug, damit sich die Produktion für ein Wirtschaftsunternehmen rechnet“, sagt Dittmer. Rückenwind für ihr Angebot erhoffen sich die Blindenbüchereien von einem Grundlagenvertrag, der die grenzüberschreitende Ausleihe ihrer digitalen Medien künftig ermöglichen soll. „Das findet in der Praxis zwar für analoge Medien heute schon statt“, sagt Dittmer. „Eine entsprechende gesetzliche Grundlage dafür fehlte bislang allerdings.“ Die Vereinbarung der World Intellectual Property Organization (WIPO) soll das nun schaffen. „Wenn die nationalen Gesetze in einigen Jahren angepasst sind, könnte damit ein besserer internationaler Austausch stattfinden.“

Bislang müssen sich die Nutzer der Blindenbibliotheken nämlich mit einem eher bescheidenen Angebot begnügen. 40.000 Hörbücher und 40.000 Bücher in Blindenschrift stehen ihnen zur Ausleihe zur Verfügung. „Unsere Mittel reichen leider nicht aus, um diesen Bestand deutlich zu erhöhen“, sagt Elke Dittmer. Die Grundfinanzierung durch die Länder decke zwar die Grundkosten des laufenden Betriebs. Für eine Vervielfachung der Produktion von Hörbüchern und Büchern in Blindenschrift reiche sie jedoch nicht. „Das finanzieren wir vorwiegend aus Spenden, die fast ein Drittel unserer Budgets ausmachen“, sagt Elke Dittmer.

Noch deutlicher fehlt es an personeller und finanzieller Ausstattung in den Gefängnisbibliotheken. Über 200 gibt es in Deutschland. „In der Regel betreut ein Lehrer oder anderer Bediensteter der Anstalt die Bücherei als Nebentätigkeit neben seinen Hauptaufgaben“, berichtet Gerhard Peschers. „Lediglich in Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen gibt es hauptamtlich im Justizvollzug tätige Bibliotheksfachkräfte.“ Peschers hat in der Justizvollzugsanstalt Münster eine dieser bundesweit insgesamt vier Stellen. Zudem ist er Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Gefangenenbüchereien im dbv.

Seit der Föderalismusreform 2006 sind die gesetzlichen Grundlagen der Büchereiangebote für Menschen in Haft oder Arrest je Bundesland unterschiedlich stark ausgeprägt, teilweise sind sie lückenhaft, weiß Peschers. Eine fachgerechte und umfassende Versorgung dieser Menschen ist deshalb in vielen Bundesländern kaum möglich. Doch auch sie brauchen Medien zur Unterhaltung, zur Bildung, zur Selbsterfahrung und Leseförderung – gemäß dem Resozialisierungsauftrag des Justizvollzugs.

Der Bibliothekar und Theologe fordert deshalb ein deutlich größeres Engagement der Länder. „Wir brauchen flächendeckend den Einsatz von Bibliotheksfachkräften und eine kontinuierliche Steigerung der Etats von Gefangenenbüchereien“, sagt er. „Zudem brauchen wir auch hinter Gittern einen vollzuglich verantwortbaren Zugang zu digitalen Medien.“

Auch mit dem demografischen Wandel werden weitere Aufgaben auf die Bibliotheken zukommen, die eine Ausweitung spezieller Angebote erfordern: Mehr Bücher in Großdruck etwa oder einen Ausbau mobiler Bücherdienste. „Alle diese Angebote für Menschen in speziellen Lebenslagen sind für unsere Gesellschaft unersetzlich und damit eine gesellschaftliche Aufgabe“, sagt dbv-Vorstandsmitglied Klaus Ulrich Werner. „Denn erst sie ermöglichen eine umfassende und faire Teilhabe an Bildung und Kultur.“

Text: dbv

Weitere Informationen:

www.bibliotheksportal.de/bibliotheken/bibliotheken-in-deutschland/bibliothekslandschaft/spezialbibliotheken.html

Arbeitsgemeinschaft der Spezialbibliotheken: www.aspb.de

www.medibus.info

www.gefangenenbuechereien.de
www.jva-muenster.nrw.de/aufgaben/freizeit_der_gefangenen/buecherei/index.php
www.fvgb.de

Literatur: „Bücher öffnen Welten. Medienangebote für Menschen in Haft in Deutschland und international“. Hrsg: Förderverein Gefangenenbüchereien e. V. / Peschers, Gerhard. Verlag Walter de Gruyter, 2013. 417 Seiten. 69,90 Euro.

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